Ein Taxi auf Kosten von Herrn Lux – Öffentliche Jurysitzung und Preisverleihung

Koerber Studio I Foto: Krafft Angerer

Ich versuche mich kurz zu halten.

Ich sitze im hinteren linken drittel des Zuschauerraums, Konstantin Buchholz, Student, Schauspieler und Regisseur,29 Jahre alt, zuvor bin ich noch beim Zuschauergespräch von „ich habe dich gegoogelt und du bist unwichtig, aber deshalb musst du nicht weinen“ gewesen, das genau so erfrischend war wie das Theaterstück selbst.

Die Bewertenden sind Beate Heine (Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin Schauspiel Köln), Necati Öziri ( freier Autor & Leiter internationales Forum beim Theatertreffen), Alexander Riemenschneider (Regisseur), Dagmar Schlingmann (Intendantin Staatstheater Braunschweig) und Falk Schreiber (freier Kulturjournalist, Hamburger Abendblatt/nachtkritik.de/Theater Heute).

Mein Höhepunkt der Jurysitzung ist allerdings die Rede von Karin Becker im Voraus.

Sie musste das Festival verlassen um ein paar Termine in Wien und die Betreuung eines Gastspiels wahrzunehmen.

Am Flughafen in Wien, auf dem Weg zurück, sitzt sie, wie sie erzählt, müde um 6 Uhr morgens und blättert im Körber Programmheft. Sie sagt es scheint ihr Kostbar, sie dachte nach 36 Jahren Theater kann sie nichts mehr erschüttern „HA!“ ruft sie, falsch gedacht. Und die Frage kommt ihr, was machen wir überhaupt mit unserem Leben. Für mich trifft sie ins Schwarze, weil das für mich eine der wichtigsten Fragen, das Theater betreffend, überhaupt ist. In Hamburg angekommen gibt’s eine Taxifahrt auf Kosten von Herrn Lux (Intendant Thalia Theater), der Jugend für keinen Verdienst sondern einen Zustand hält, wie er uns in seiner leicht verstörenden Ansprache zu Beginn bekannt gab. Danke weiser Mann.

Es folgt die Jurysitzung. Es wird zuerst erwähnt, dass es auch den Gedanken bei den Juror*innen gab, den Wettbewerb einfach dieses Jahr in ein anderes Format aufgehen zu lassen, aber sie sich entschieden haben, dass jetzt erstmal heute so zu machen wie geplant, so Necati Öziri.

Danach wird jedes einzelne Stück besprochen, es wird gesagt, das die Jury viel gestritten hat, um ehrlich zu sein hätte ich diesen Streit genauso gerne gesehen, wie die Besprechungen der Stücke.

Es sei zumindest ein faux pas erwähnt: Es wird behauptet, die einzige Inszenierung mit Institutionskritik wäre „Die Fahrt zum Leuchtturm“ gewesen, wegen dem Hinweis auf Ungerechtigkeit bei Gehälter von Männern und Frauen am Stadttheater. Vielleicht noch „ich habe dich gegoogelt[…]“ wegen dem Ausblick auf dem Mars (der laut Öziri für den zukünftigen Theatermarkt steht).

Taft aus Hildesheim hat ein Stück über Verschulung und formale Einschränkung präsentiert, die HfMT Thematisiert den Stifter des Körberstudios und Situationen an der eigenen Hochschule, „Teethgrinding and Terror“ war außer Konkurenz, na okay, „Peer Gynt“ bietet ebenfalls Ansätze von Kritik an der Institution „Theater“ und auch Stadttheater. Wieso wird das nicht erwähnt und an dieser Stelle nicht weitergedacht von der Jury. Ist das eine bewusste Entscheidung gegen die Relevanz der viel besprochenen Themen in Podiumsdiskussionen, Publikumsgesprächen und Tischgesprächen während des Festivals? Konnte die Jury sich nicht einigen, wie mit dieser Kritik umzugehen sei, weil sie auf diesem Fest selbst Teil der Kritisierten war? Eigentlich unwahrscheinlich, denn „Leck mir die Wunden“ aus Hamburg, „Drei Schwestern“ aus Salzburg und „Peer Gynt“ aus Frankfurt sind die Favoriten über die abgestimmt wird. Diese drei Inszenierungen tragen viel Kritik in sich und sprechen Themen sehr offen an, dazu braucht es keine ganz genaue verbale Benennung der Adressaten, auch wenn sie oft stattfindet. Warum ist es also nicht nötig das ebenfalls zu erwähnen?

Die „Institution“ Theater erscheint ständig auf dem Festival, wie eine bedrohlich überdimensionierte Elbphilharmonie bei Nacht ohne Straßenlaternen, aus dem Dunkel. Vielen Dank für die Poesie – gern geschehn.

Nun die Ergebnisse der Abstimmung.

Für „Peer Gynt“: Necati Öziri, Dagmar Schlingmann, Falk Schreiber

Für „leck mir die Wunden“: Alexander Riemenschneider, Beate Heine

Für „Drei Schwestern“: Keine Stimme.

Peer Gynt gewinnt,Felix Krakau und sein Ensemble und Team gewinnen, herzlichen Glückwunsch und eine hoffentlich lange Zusammenarbeit von meiner Seite.

Publikumspreis erhält „Drei Schwestern“ mit einer Stimme Vorsprung zu „Leck mir die Wunden“. Herzlichen Glückwunsch auch dazu.

Es gibt noch viel zu den verschiedenen Inszenierungen, der Preisverleihung und den Theaterstücken die gewonnen haben zu sagen. Ich wünsche mir, dass im Blog noch darüber diskutiert wird. Jetzt müssen sich vielleicht alle erstmal erholen.

Ich hoffe im nächsten Jahr auf ein Festival bei dem alle gewinnen.

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