Ich habe dich gegoogelt und du bist unwichtig, aber deshalb musst du nicht weinen

Körber Studio für Junge Regie, Foto Krafft Angerer

Zu mir: Ich bin 26 und studiere an der HfMT, bin geboren in Österreich und obwohl ich oft in Wien bin, kenne ich keinen der Beteiligten der Produktion. Mein Tag begann mit einer inspirierenden Unterhaltung beim Frühstück mit Gudrun Buchholz 82 Jahre über die gesellschaftliche Entwicklung hinsichtlich der Gleichstellung von Mann und Frau. Danach ging ich zur Podiumsdiskussion „Was ist Regie heute?“ (über die ich in diesem Blog ebenfalls schreibe). Ich war also ganz schön aufgeladen. Jetzt wo ich schreibe, ist es für mich der Morgen danach, nicht nur nach dem Sehen des Stücks, sondern auch nach der öffentlichen Jurysitzung, die im Anschluss stattfand.

Ich sitze also im Theater und habe mich ausnahmsweise in eine der hinteren Reihen verzogen, um einen besseren Überblick zu haben. Mittig. Auf den Stühlen liegen Programmhefte mit „Dem Manifest“ aus, um das es im folgendes Stück gehen soll. Der Titel verspricht mir: jung, anders, aktuell.

Alle DarstellerInnen befinden sich bereits auf der Bühne: In Heldenposen aufgereiht stehen fünf von ihnen im hinteren Bühnenteil vor einer großen schwarzen Wand (ich vermute schwarze Gaze) auf der ein großer roter Komet, mit comichaften Bewegungslinien aufgezeichnet ist. Hinten rechts auf der Bühne steht ein großer Kubus in dem eine Flagge gesteckt ist, deren Logo ich nicht erkennen kann. Nahe der Rampe befindet sich ein Schauspieler, der auf einer Melodica die Melodie von „Oh Tannenbaum“ spielt. Er trägt einen rosafarbenen Body und darüber eine schwarze Hose. Es folgt ein Monolog ins Publikum gerichtet, in dem der Darsteller von einem Thema ins andere hüpft: Die Unterteilung der Menschheit in modewusste Zyniker auf der einen Seite und die, die sich aufopfern auf der anderen Seite, er stellt die Bruce Willis Solucion vor und etabliert die Idee einer Reality Show auf dem Mars „Wie zum Fick sind wir hierher gekommen?“ Zitat Ende. Mit dem Ende seines Monologs setzt Strauss‘ sinfonische Dichtung „Also sprach Zaratustra“ ein, woraufhin die fünf DarstellerInnen episch langsam nach vorne gehen und sich nun alle sechs in ihren einheitlichen Kostümen zu einer Formation zusammenstellen, um sich dann zu sechs nebneinander vor dem Publikum aufzustellen. Im folgenden Schlagabtausch erfahren wir wer sie sind und warum gerade sie am besten für die bevorstehende Marsmission geeignet sind: Ein Physiker, Arnold Schwarzenegger, eine Weltraumrechtlerin (später erfahren wir dass die Mutter der Regisseurin diesen Beruf tatsächlich ausübt), Michael Collins, eine Botanikerin und…Philipp. Gemeinsam sind sie DAS PROJEKT und DAS PROJEKT hat ein MANIFEST geschrieben welches nun in einem beeindruckend starkem Chor vorgetragen. Spätestens jetzt bin ich überwältigt von der Energie dieses Ensembles und der Spielfreude jedes einzelnen. In diesem Punkt kann ich mich dem später folgenden Kommentar eines Jurymitglieds mehr als anschließen: „Ich seid Spieler und Spielerinnen die gut sind und die durch ihr Zusammenspiel noch besser werden.“
Wieder „Also sprach Zaratustra“ und DAS PROJEKT klettert episch langsam auf den großen Kubus aus deren Unterseite starker Nebel tritt. Nun werden Strohhalme gezogen, wer als Erste*r den Mars betreten darf, Vorschläge über die ersten Worte, die gesagt werden sollen werden gesammelt aber was genau passiert erscheint mir eigentlich völlig unwichtig, denn spannend ist wie es passiert und zwar pointiert, dynamisch und mit cleverem Humor. Für großes Gelächter im Publikum sorgte z.B. das Hereintragen der Tafel auf der in Thalia CI steht „In Wien hatten wir hier eine Hebebühne“ aber das Publikum wird hier generell sehr gut unterhalten in dem farbenfrohen Spektrum an Szenen, die sich durch das Manifest, welches das ganze Team kollektiv zusammengestellt hat, selbst legitimieren. So war z.B. die Weihnachtsbaumszene eine gute Möglichkeit, die vielen verschiedenen Wünsche der Schauspieler*Innen noch zu verwirklichen -erfahre ich später im Publikumsgespräch. Diese Wünsche beinhalteten eine Vechtszene, langes Knutschen, kitschige Lagerfeuerlieder, Musical-Choreos uvm. Neue Kostüme werden in Weihanchtsgeschenke verteilt. Ich nehme an dass es sich hierbei auch um Wunschkostüme der SchauspielerInnen selbst handelt.

Es gibt noch so viel mehr zu sagen, so viele witzige, kleine, liebevolle Details die mich schmunzeln und lachen und am Ende mit den Füßen stampfen ließen.
In ihrem Programmheft schreibt die Regisseurin des Kollektivs „Wir konnten uns lange nicht einigen, wie wir uns nennen sollten, denn nur Freunde zu sein, schien uns im Zusammenhang unseres Vorhabens nicht mehr angemessen.“

Diese Freundschaft steht stark im Mittelpunkt der gemeinsamen Diplom-Inszenierung und das war auch von Anfang an klar. „Ich musste das Thema ja schon ein Jahr vorher angeben und da hab ich einfach gesagt ich mache Wolfram Lotz, weil das gibt es 35 Rollen und das rechtfertigt auf jeden Fall dass ich alle meine Freunde brauch.“


Als Regiestudentin habe ich mich gefragt warum das eigentlich institutionell gesehen kein legitimer Anlass ist: Ich möchte Theater mit meinen Freunden machen -warum muss man ein Jahr vorher ein Scheinthema vorschieben? Vor allem wenn man doch sieht was für tolle Stücke dabei herauskommen können, wenn man sich wirklich gemeinsam auf eine Reise begibt. Aber vielleicht ist es ja wichtig, dass man auch mal aus seiner Bubble herausgetreten wird. Ich weiß es nicht aber ich werde drüber nachdenken. Vielen Dank auf jeden Fall für diesen bunten Theaterabend, der genauso hoffnungsvoll ist wie sein Titel.

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