ein Blick auf „ELEPHANT“

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Koerber Studio Junge Regie 2019 Foto: Krafft Angerer

Körberstudio Jugend Regie

Regie Moritz Hauthaler

Mittwoch, der 12. Juni 2019

Kurz zu meiner Person:

Ich bin Anne, 51 Jahre alt, Mutter von zwei gelungenen Mittzwanzigern,

arbeite als selbstständige Traderin und bin von Berufung Mentor und Unterstützer. Bevor ich mich heute auf den Weg gemacht habe, hatte ich einen erfolgreichen Arbeitstag und bin zufrieden mit mir und glücklich mit meinem Job. 

Auf dieses Stück bin ich eher durch Zufall von meiner Tochter aufmerksam gemacht worden und praktisch völlig unvorbereitet (und unbelastet) zur Vorstellung gegangen. Ich kannte lediglich die knappe Zusammenfassung im Flyer, die kurz den Inhalt umreißt. Von Haus aus bin ich eher der klassische konservative Theater-Typ und dementsprechend bin ich also sehr neugierig an eine für mich eher ungewohnte Form der Inszenierung herangegangen, die ich von der Mitte der vierten oder fünften Reihe sehen durfte. 

Ich brauchte auch tatsächlich eine Weile um mich in die ersten Szenen einzufinden, wo nur bruchstückhafte Einblicke in eine noch fragliche Handlung gewährt wurden. Stück für Stück – wie ein großes gespieltes Puzzle fanden dann aber nach und nach die einzelnen Teile der zusammengetragenen Fakten ihren Platz und der Betrachter gewann einen Einblick in einen Rückblick über den möglichen Ablauf eines Todesfalles, zusammengesetzt aus Fragmenten von Polizei- und Obduktionsberichten. Und mit jedem dargestellten neuen Puzzlestück setzte auch immer mehr das Verständnis für die Handlung ein und zog den Betrachter immer mehr in den Bann. Durch den Einsatz verschiedener Vortragsarten in Kombination mit anderen Medien wurden wiederholt Perspektivwechsel erzeugt, die unterschiedliche Betrachtungsweisen erzwangen. 

Zu Beginn wurden Filmstreifen eingeblendet und auf einen großen Kubus projiziert, bis sich eine Wandlung der Projektionsfläche zum Tatort vollzog. Das würfelförmige Objekt „entfaltete“ sich quasi stückweise zu einem Haus und wurde zum Mittelpunkt der Bühne und des Geschehens, füllte sich immer mehr mit Einrichtungsgegenständen und Teilen der Geschichte. Trotzdem blieb es aber immer noch durchscheinend und transparent, was die erlebte Realität immer wieder fragwürdig werden und Raum für Interpretationen ließ. Eine Leinwand über der eigentlichen Bühne zeigte Aufnahmen aus Berichten, die teils gegensätzliche Informationen zum gerade in diesem Moment Gespielten zeigte, was die Frage aufwarf: was war nun die Wahrheit und was eine Täuschung, was war eine reine Emotion und was ein unwiderlegbarer Fakt? Worum ging es wirklich und letztendlich: was war richtig und wichtig? Immer wieder wurde der Betrachter in diese Fragestellung eingebunden und wurde aufgefordert mit zu fragen. Das Tempo der Aufführung steigerte sich stellenweise, was erneut kleinere Spannungsbögen erzeugte und so weiter dazu führte, dass dem Betrachter auf jeden Fall nicht langweilig wurde und er sich immer tiefer in die Handlung eingebunden fühlte. Im Moment des Todes wurde als ein neues Element ein sphärischer Gesang eingesetzt, fast einer Traumwelt gleich, der den Betrachter einhüllte und etwas von der Sachlichkeit der Fakten und Berichte entrückte und damit wieder eine neue Ebene der Betrachtungsweise erschuf. 

Als alle Berichte vorgetragen und der „Fall“ scheinbar gelöst war, verschwanden die Darsteller und die Fakten der Vergangenheit im aufwallenden Nebel und verloren sich wieder in der Stille und dem Vergessen. Eine Stimme aus dem Off fragte, ob andere etwas ausdrücken könnten, dass sie selbst ausdrücken sollte, aber nicht konnte – und übertrug damit die Aufgabe der Lösung des Geschehens auf den Betrachter, der nun voller Fragen über die mögliche Wahrheiten, wahre Täuschungen und emotionale Interpretationen von Fakten entlassen war.

Nicht zuletzt blieb für mich auch immer noch eine Frage offen: warum nennt sich das Stück „ELEPHANT“? Weil Elefanten ein so gutes Gedächtnis haben? Sich an längst vergangene Geschehnisse so gut erinnern können? Oder läßt das Aufrollen der Polizeiberichte die Emotionen wie der Elefant im Porzellanladen zerspringen? Diese Gedanken nehme ich ungelöst mit nach Hause und werde mich damit noch ein bisschen beschäftigen – meinem Empfinden nach ein gelungenes Ergebnis einer stimmigen Aufführung.

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