Ich habe dich gegoogelt und du bist unwichtig, aber deshalb musst du nicht weinen – Show Must Go on!

Korber Studio I Foto Krafft Angerer

Paul Marwitz, *1989 in der Lausitz, Schauspieldramaturgiestudent in Hamburg im 2. Semester.

Den Preis für den sperrigsten Titel, der aber doch angenehm eingängig ist, und mich bis zum Ende nicht vollständig erschließen würde…den hat sich die Kollektivarbeit in der Regie von Anna Marboe mit ihrem Ensemble der Universität für Musik und Darstellende Kunst aus Wien bereits im Vorfeld gesichert. Nach dem Lesen des Programmhefttextes[1] kurz vor Beginn der Vorstellung auf meinem Platz in der vorletzten Reihe fühlte ich mich nur unwesentlich besser auf den Theaterabend vorbereitet. Nur eines schien festzustehen: Hier haben sich junge Menschen ernsthaft Gedanken darüber gemacht, wie sie miteinander arbeiten könnten und welchen Titel man dieser Gruppe überhaupt geben konnte. Während ich noch über die Grenzen der deutschen Sprache, angesichts einer sich schnell verändernden Welt nachdachte, stach mir sofort das Bühnenbild ins Auge (Ausstattung Thomas Schrenk). Ein rot schimmernder Kreis, darum schwarze Nacht. Ein schwarzes Loch? Eine Sonnenfinsternis. Vorne ein junger Mann mit Melodika (ein Sequel zum Autofriedhof oder sind Melodikas einfach wieder cool). Ein Paukenschlag reißt mich aus diesen Gedanken: Auf geht’s. Da es sich für mich nach 11 gesehenen Theatervorstellungen in fünf Tagen um die letzte Festivalinszenierung handelte, war ich dankbar für diesen Einstieg. Doch würde dieses Tempo gehalten werden können? Bevor ich ins Detail gehen möchte, hier meine klare Antwort: Ja! Zu keinem Zeitpunkt der etwa 70- minütigen Inszenierung, kam für mich Langeweile auf, dem Anspruch der Party wurde die Inszenierung vollauf gerecht.

Ich begegne auf der Bühne einer Gruppe aus sechs diversen Spieler*innen, junge Menschen, die mir mit jeder ihrer Bewegungen so viel Spiellust und Energie entgegenbringen, dass ich gar nicht anders kann, als mich davon anstecken zu lassen. Inhaltliche Klammer der Aufführung ist ein vielhundertpunktiges Manifest, das mir das PROJEKT nun nach und nach am Abend vorstellt. Hierbei handelt es sich um eine Ansammlung von Regeln, mit denen sie ihre Zusammenarbeit strukturieren. Wie jedes Projekt, braucht es neben den Regeln aber auch ein Ziel, und das ist ebenso aberwitzig, wie aufregend: Nichts weniger als die Umsetzung einer Reality-Show auf dem Mars soll es sein (warum eigentlich?). Mit dabei sind allerlei illustre Figuren aus der Popkultur, darunter Arnold Schwarzenegger und Michael Collins. Letzterer ist übrigens nur an Bord, weil Phil wohl keine Zeit hatte, und ein Collins wohl so gut wie jeder andere wäre. Das ist jedoch nur der Auftakt zu einem wahren Feuerwerk an popkulturellen Anspielungen, mit denen mich das Ensemble unterhält. Gepaart wird diese Menge an Witz und Ideen mit fantasievollen Bildern, mit denen mich das Team auf die Reise mit auf den Mars nimmt. Es folgen Songs (persönliches Highlight: Aerosmith!!!), Tänze, Fechtkämpfe, ein Weihnachtsbaum und die ersten Worte eines Menschen auf dem Mars (Spoiler: Michael Collins bekommt die Chance es besser zu machen, als damals auf dem Mond).

Dennoch beginne ich mich nach und nach zu fragen: wofür dieser Aufwand? Wofür diese Show? Ist es ein irgendwie gearteter Innovationsdruck, dem sich Studierende des Max Reinhardt Seminars in Wien reproduzieren und kritisieren wollen? Ich könnte später nachfragen, möchte ich aber nicht. Was sich mir innerhalb der Aufführung erschließt, ist lediglich die permanente Lust auf diese Neuanfänge und Showelemente, nicht aber eine Spur von Frust, oder Qual, was diese Arbeit und dieser Zwang mit sich bringen könnten, etwa auch Verzweiflung oder Wut? Ich weiß es nicht. Am Ende ist dieser Abend für mich ein Maschinengewehr an szenischem und popkulturellem Witz, nur leider kein Präzisionsgewehr. Bei weitem nicht jede Pointe sitzt, aber gut das muss sie auch nicht. Auch im letzten Marvel Blockbuster saß nicht jeder Witz, und über tieferen Sinn könnte, aber muss ich nicht anfangen zu philosophieren. Das was ich in Ich habe dich gegoogelt, und du bist unwichtig, aber deshalb musst du nicht traurig sein sehe, soll mich unterhalten. Das tut es auch, und doch ist es einer dieser Abende, bei denen ich am Ende fraglos dasitze und mich frage, was er eigentlich soll. Vielleicht soll er ja gar nichts anderes, als mich unterhalten. Alles klar, I got it. Dann bitte: Show must go on. Nach fünf Tagen Festival, möchte ich dafür auch dankbar sein. Ich bin es.


[1] Wir konnten uns lange nicht einigen, wie wir uns nennen sollten, denn nur Freunde zu sein, schien uns im Zusammenhang unseres Vorhabens nicht mehr angemessen. Band passte aus hier nicht weiter erläuterten Gründen ebenfalls nicht, und um uns als Partei zu bezeichnen, fehlte uns das nötige Know­-How und sowieso jeglicher Wille, an einem Wahlkampf irgendeiner Art teilzunehmen – obwohl uns die englische Übersetzung „Party“ sehr zusagte. Nein! Wir nannten uns „das Projekt“.

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