Klappe die Erste: „Elephant“

Koerber Studio Junge Regie 2019 Foto: Krafft Angerer

Der Regisseur Moritz Hauthaler, bat ganz am Ende der gestrigen Aufführung darum, dass zwei mir unbekannte Personen „auf der Bühne ausdrücken mögen, was er selber sollte und nicht kann.“ Dieser Satz (so, oder so ähnlich) blieb mir bis jetzt im Kopf und ich knabbere noch immer an ihm. 

Bevor ich aber meinen Eindruck des Stückes schildere, hier erst einmal eine kurze Info zu mir:

Ich bin Birte, 23, heute noch freiberufliche Grafikdesignerin und ab Montag dann Jr Creative Specialist. Meine Berufung ist ähnlich meines Berufes: Ideen zu visualisieren und das möglichst ästhetisch. Daher würde mein Fokus in diesem Stück weniger auf der Story liegen, so dachte ich, und mehr darauf, wie es gestalterisch und im Bühnenbild und/oder Kostüm umgesetzt war. Von meinem Platz in der dritten oder vierten Reihe, ziemlich genau in der Mitte, hatte ich dazu den perfekten Blick. Dass mich nachher die Story so frisst, habe ich ganz sicher nicht erwartet. 

Da mein Tag vorher schon ordentlich voll und ich nonstop unterwegs war, habe ich befürchtet nicht mehr zu sehr aufnahmefähig zu sein. Nicht lange in die Einführungsrede von Falk Richter jedoch und ich war wieder wach. Das Stück selbst hat mich danach dann gar nicht wieder müde werden lassen- dazu war es zu spannend. Ich bin relativ unwissend in die Aufführung hinein gegangen, habe ich es mir vorher lediglich des interessanten Einführungsartikel wegen ausgesucht, in dem kurz erklärt war, dass es sich bei Elephant um ein biografisches Stück handle. 

Als ich dann auf meinem Platz saß und die Lichter dimmten, war mir das aber schon wieder völlig entfallen. Das Stück hat sich spannender weise wie eine Mischung aus einem Krimi, bei dem man den Ermittlern zuschaut wie sie einen Teathergang untersuchen und einem Drama angefühlt. Um meinen Eindruck kurz zusammen zu fassen: das Stück rekonstruiert das Ableben vom Vater des Regisseurs anhand von Zeugenaussagen, den Dokumentationen einer Autopsie, möglicherweise dem Protokoll eines Gerichtssaales und Aufzeichnungen mehrerer Verhöre. Das ist zumindest, als was ich einzelne Szenen interpretiert habe.

Da ich absoluter Rätselfan bin und einen Notizblock zur Hand hatte (wenn auch eigentlich für andere Zwecke), habe ich ganz automatisch angefangen die sich langsam enthüllenden Verbindungen zwischen den Personen zu notieren und bin vielleicht auch deshalb sofort angefixt gewesen, wenn zum Beispiel Zeugenaussagen sich später im Detail minimal zu widersprechen begannen oder ein vorher gespielter oder erwähnter Sachverhalt plötzlich Sinn ergab. Lasst mich hierzu ein Beispiel geben: 

Das Stück startete mit einer Flut an Informationen. Schauspielerin Rosa Falkenhagen hat zahlreiche Fakten zu Details über menschlichen Organe in Tandem mit Schauspieler Janus Torps Informationen über mögliche Details zu einem undefinierten und nicht sichtbaren Haus zitiert. Auf einem großen Holzkasten mittig der Bühne liefen Videos aus der Frontscheibe eines fahrenden Autos und Aufnahmen aus Google Earth. Ansonsten war die Bühne bis auf die Schauspieler, einen Stuhl und Videokameras, die zur Seite standen, leer. 

Die Kamera kam tatsächlich als nächstes zum Einsatz, da Rosa in ihrer Rolle Janus oberkörperfrei vor die Kamera stellte und ihn wie eine Pflanze im Wasser bewegte, während sie Organe und deren Zustand rezitierte. Hier fiel nichts außergewöhnliches ins Auge, bis sie in ihrer Aufzählung plötzlich eine fragwürdige Einstichwunde in der Ellenbeuge erwähnte. Soweit ist das nichts, was zu arg herausstechen sollte und man vergisst diese Info auch vorerst wieder, bis zum Ende hin dann plötzlich Drogen ins Spiel kommen und man mit einem Aha!-Moment wieder daran erinnert wird. Solcherlei Details haben mich trotz der Menge an verbalem Input rein inhaltlich bei der Stange gehalten. Hinzu kam, wie aus all diesen zu Beginn scheinbar zusammenhangslosen Informationen und Handlungen sich plötzlich ein Gesamtbild ergab. 

Hier hat das Bühnenbild einen genialen Einsatz gehabt. Der Kasten wurde gedreht und dann auseinander gefaltet wie eine 3D-Klappkarte. Und zack- hatte man den Querschnitt einer leeren Wohnung samt Eingangsbereich, Teppich und Türen, der sich im Laufe des Stückes mit Kronleuchter und Essbereich samt Eckbank füllten. Dann noch ein Aschenbecher, Zigaretten und ein Sixer Bier. Mehr brauchte es nicht. Geschickt inszeniert. 

Das Wechselspiel zwischen Zeugenaussagen, die direkt mit Kamera vor Ort aufgenommen und zeitgleich auf einer Leinwand über den Wänden der Küche angestrahlt wurden, dem Nachspielen von Ausschnitten des relevanten Abends und rein informativen Monologen war total interessant.

Der Nachsatz aus dem off hat einen dann erinnert, dass es wohl tatsächlich so oder so ähnlich geschehen ist und plötzlich sieht man alles noch einmal in einem völlig anderen Licht. Mein größter Respekt an Moritz Hauthaler, für die Regie dieses genialen und persönlichen Stückes. 

Um auf das Zitat vom Anfang zurück zu kommen: Er mag zwar nicht selber auf der Bühne gestanden haben, meiner Meinung nach hat Moritz aber durchaus eine ganze Menge ausgedrückt.

Nur der Titel erschließt sich mir leider noch immer nicht. Vielleicht hat das ja jemand im Publikumsgespräch erfragt und hat Lust, diese Info mit mir zu teilen?

Ansonsten wünsche ich euch alles Liebe!

Klappe die Erste: „Elephant“ Birte 🙂

2 Gedanken zu „Klappe die Erste: „Elephant““

  1. Liebe Birte,
    danke für deine Eindrücke! 🙂
    Beim Publikumsgespräch hat Moritz Hauthaler die Frage nach dem Titel beantwortet. Er bezieht sich auf das englische Sprichwort „the elephant in the room“, als etwas, was viel Raum einnimmt, aber über das niemand spricht, was für ihn in seinem Leben der Tod seines Vaters war.

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